Rudern zu den Paralympics

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Behindertensport: Nach einem Unfall trainiert der querschnittsgelähmte Sascha Adrian vom RRK mit einem Spezialboot

Von Elfriede Schmidt (aus „Rüsselsheimer Echo“ vom 12.08.2006)

Treffen kann es jeden angesichts der Vielzahl von Verkehrsunfällen: Man wacht in der Klinik auf und spürt, dass die Beine bewegungslos bleiben und der Körper ab Hüfte abwärts den Befehlen des Gehirns nicht mehr gehorcht. Mit der Diagnose Querschnittslähmung musste auch der 20 Jahre RRK-Ruderer Sascha Adrian fertig werden. Am 8. Mai 2005 hatte ihn ein Autofahrer umgefahren, als er mit dem Motorroller zur Teilnahme am Gutenberg-Marathon in Mainz fahren wollte.

Der Schock danach saß tief und Vater Wolfgang Adrian machte von nun an die Erfahrung, dass Deutschland auf dem Gebiet der Handicap-Forschung weit hinter Staaten wie England und den USA zurückliegt. Dort wurden Rechner entwickelt, die Gedanken lesen und in Aktionen wie etwa „Licht an“ umsetzen können, und mithilfe der Genforschung ist man dort auch auf dem Weg, eines Tages zerstörte Nervenbahnen wieder miteinander verknüpfen zu können – die große Hoffnung für Menschen wie Sascha Adrian, der sich seit dem Unfall im Rollstuhl fortbewegt und auf Hilfe von außen angewiesen ist.

Auf sportlicher Ebene währte der Schock nicht lange. Weil Vater Wolfgang Vorsitzender der Abteilung Rudern beim RRK ist und auch der Verein alle Hebel in Bewegung setzte, konnte der Klub 2006 einen Festsitz-Einer für Behinderte anschaffen, ein Sportgerät, das man in China entdeckte und zu dessen Finanzierung in Höhe von 4.000 Euro auch die Stadt Rüsselsheim beitrug.

Beim Anrudern am 29. April diesen Jahres saß Sascha Adrian, der seit 1996 für den RRK in verschiedenen Bootsklassen viele Siege einfuhr, nach dem Unfall wieder im Boot, das er „Swadi“ taufte. Ende April belegte er in Berlin, im Anschluss an ein dortiges Trainingslager, in der Sparte Handicap-Festsitz den ersten Platz. Das Spezialboot, in Deutschland ein Novum, unterscheidet sich von anderen Sportbooten durch die beiden Ausleger, die ein Kippen verhindern. Handicap-Rudern als Leistungssport ist innerhalb des Deutschen Ruderverbandes eine seit Jahren anerkannte Sportart und wurde 2002 vom Weltverband FISA auf internationaler Ebene in das WM-Programm aufgenommen.

Das Ziel, auch auf höchster Ebene Siege einzufahren, etwa bei der WM 2007 in München und bei den Paralympischen Spielen 2008 in Peking, ist für Sascha Adrian mit dem Sieg im Qualifikationsrennen Ende April in Berlin und der Teilnahme am Weltverbands-Workshop im Mai in London bei der „Adaptive Rowing Classification“ ein Stück näher gerückt. In London, mit Teilnehmern aus 20 Nationen, wurde Sascha Adrian zum technischen FISA-Qualifizierer und Trainer ausgebildet und kann jetzt unter den vier Handicap-Bootsklassen in der Arms-only-Kategorie starten.

Vorher will das Rüsselsheimer Rudertalent seine Klasse bei den Ruder-Weltmeisterschaften vom 20. bis 27. August auf dem Dorney Lake im englischen Eton beweisen. Für ihn und Vater Wolfgang ist dies erneut mit einer großen persönlichen und finanziellen Kraftanstrengung verbunden. Händeringend wird wegen steigender Kosten ein Sponsor gesucht. „Aber wer fördert schon den Behindertensport, wo er doch auch in den Medien kaum eine Rolle spielt?“, bedauert Sascha Adrian.

Vater Wolfgang kann seinen Beruf als selbstständiger Unternehmensberater nur noch sporadisch ausführen, weil er fast rund um die Uhr für den Sohn da ist. Seit dessen Unfall musste er die Erfahrung machen, dass das Thema Behindertenpolitik in Deutschland kein Thema ist, „wohl wegen der unrühmlichen Vergangenheit aus der NS-Zeit“, vermutet Adrian. Und verweist auf einen Bericht im Verbandsorgan des Deutschen Ruderverbands unter der Sparte Handicap-Rudern: Dort wird von der englischen Ruderin Helen Raynsford berichtet, bei der fünf Personen ins Training eingebunden sind: Rudertrainer, Physiotherapeut, Sparringspartner, Konditionstrainer und Trainings-Koordinator. Dazu kommen noch die Eltern und ein Spezial-Auto für Rollstuhlfahrer mit Festsitz-Einer obenauf.

Sowohl bei Amerikanern wie Briten stelle sich die Frage nicht, ob der Aufwand sich lohne, sagt Wolfgang Adrian. „Die Politik hat in diesen Ländern die erforderliche Weichenstellung längst vorgenommen“, betont er und berichtet von Sportcentern in Amerika nur für behinderte Menschen und von Gesetzen, mit denen Rollstuhlfahrern die Teilnahme am öffentlichen Leben erleichtert wird.

Für Sascha Adrian ist die Welt kleiner geworden, seit er auf den Rollstuhl angewiesen ist. In Rüsselsheim kann er nicht durch die Sophien-Passage wegen der steilen Ein- und Ausfahrt, die S-Bahn kann er nicht benutzen, weil im neuen Bahnhof der zweite Aufzug fehlt, und nur wenige Geschäfte, Gaststätten und Arztpraxen in Rüsselsheim haben stufenlose Eingänge. Wegen mangelnder Behindertenfreundlichkeit studiert Sascha Adrian nunmehr auch Elektrotechnik nicht an der TU Darmstadt – zu viele alte Bauten mit vielen Treppen und die Gebäude aufs gesamte Stadtgebiet verteilt. Er studiert jetzt an der FH Rüsselsheim, weil es hier rückwärtig eine Auffahrrampe und auch Aufzüge gibt.