The freedom from the wheelchair – Lohnt sich der Aufwand? Abhandlung über das Handicaprudern von Sibylle Hornberger

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Hier eine interessante Abhandlung über das Handicaprudern von Sibylle Hornberger, 19.07.06, DRV Ressort Bildung und Wissenschaft, aus „www.rudern.de“

The freedom from the wheelchair – Lohnt sich der Aufwand?

DSC02635Die FISA veranstaltete in 2006 drei Klassifizierungsworkshops zur Ausbildung von nationalen Klassifizierern im Handicaprudern. Neben Asien und Amerika fand für Europa der Workshop in London statt, vom 11.5. bis 13.5.2006 (Artikel zum Klassifizierungsworkshop hier). Vom DRV waren 4 Personen [Christian Lerch (Referent Handicaprudern), Sibylle Hornberger (Ressort BW), Sascha Adrian (Athlet Festsitzeiner), Wolfgang Adrian (Betreuer)] an diesem Workshop beteiligt und wir kamen alle mit höchst widersprüchlichen aber ausgesprochen heftigen Eindrücken zurück. Besonders eindrücklich für jeden von uns war der Filmbeitrag von Helen Raynsford. Und er warf viele Fragen auf.

Helen ist eine der A-Klasse-Ruderinnen in England und stellte ihr Rudertraining als Rollstuhlfahrerin vor. Auf dem Wasser mit ihrer Sparringspartnerin, im Kraftraum mit ihrem Konditionstrainer, die Physiotherapie danach. Sum sum, ihr „high performance training“ ist nur möglich mit der laufenden Unterstützung von 5 Personen, die direkt ins Training eingebunden sind: 1. Ruder-Trainer, 2. Physiotherapeut, 3. Sparringspartner Rudern, 4. Konditionstrainer und 5. Trainings-Koordinator. Dazu kommen noch die Eltern und ein spezielles Auto für Rollstuhlfahrer mit Festsitzeiner obendrauf … (Film kann bei Sascha Adrian nachgefragt werden).

Lohnt sich dieser enorme Aufwand, werden sich viele Leser fragen? Wer die lebhafte Persönlichkeit von Helen live erleben konnte, musste über die Antwort nicht lange nachdenken. Und die Briten? Die Briten und Amerikaner stellen sich diese Frage überhaupt nicht. Sie ist typisch deutsch. Und an diesem Punkt steht der DRV wirklich noch ganz in den Kinderschuhen, allerdings, und das möchte ich betonen, ist er nicht alleine dafür verantwortlich zu machen, sondern dies geht an die Adresse der Behindertenpolitik. Wir hätten uns gewünscht, dass Verantwortliche aus der Politik an diesem Workshop teilgenommen hätten. Sie hätten erfahren, dass z.B. in Amerika schon jedes kommerzielle Fitness-Studio behindertengerecht eingerichtet sein muss und dass es bereits Sportcenter nur für behinderte Menschen gibt. Und was bedeutet für Helen das Rudern? Zuallererst: „die Freiheit vom Rollstuhl!“ Leider können diese Bedeutung nur die Menschen wirklich nachvollziehen, die direkten Kontakt oder Erfahrungen damit haben.

Handicaprudern vom Feinsten: Die Infrastruktur in GBR  für Rollstuhlruderer

Das neue Ruderzentrum in London (2002) ist voll auf Handicaprudern ausgelegt. Dort lagern aktuell Dutzende von Handicap-Booten der FISA. Haus, Zimmer und Steganlage sind rollstuhlgerecht eingerichtet, somit können Trainingslager für Handicapruderer problemlos durchgeführt werden. Im Kraftraum stehen 6 Geräte, die mit dem Rollstuhl direkt angefahren werden können. Die Handicapruderer können so ohne zeitraubendes Umsetzen und ohne jemanden, der ihnen helfen muss, trainieren. Selbständigkeit. Gleichberechtigung.

Die Briten beschäftigen einen bezahlten Trainer, Chad King (ehemals Australien) und unterstützen die Forschung für das Handicaprudern. Mit Dries Hettinga und seinem Institut wird nicht nur das Handicaprudern beforscht, sondern werden auch z.B. biomechanische Erkenntnisse über Materialien und Technik in anderen Sportarten von Menschen mit Behinderungen gewonnen. Auch ein Biomechaniker arbeitet mit im Team.

FES-Rudern – ein Trainingsmittel?

In diesem Institut befindet sich auch ein Ruder-Ergometer, an dem Rollstuhlfahrer die Ruderbewegung mit den Beinen aufgrund elektrischer Stimulation auslösen können. Ein faszinierendes Gerät und der Traum vom Rudern für gelähmte Menschen. Dieses FES-(Functional Electrical Stimulation)Training wirkt überzeugend. Nicht nur aus psychologischen Gesichtspunkten. Ursprünglich wurde es schon vor vielen Jahren für medizinische Zwecke entwickelt und in der Therapie eingesetzt. Inzwischen ist es ein Therapie-Trainingsmittel, um die Gesundheit von behinderten Menschen zu stärken – als Walking-, Fahrrad- und eben Ruder-Gerät. Mit dem Ziel: Druckstellen vermeiden, Kreislauf aktivieren, Diabetes-Gefahr verringern. Darüber hinaus beugt es einer Überbeanspruchung des Oberkörpers vor, eine Gefahr, die bei Rollstuhlfahrern gegeben ist. Untersuchungen belegen weiterhin die Reduzierung von Fettmasse und Zunahme von Muskelmasse, den Abbau von Cholesterin und die Erniedrigung des Leptinhormons (verantwortlich für Adipositas).

Dann entdeckte es man für das Leistungs-Training von behinderten Menschen. Das FES-Training erhöht sämtliche cardio-pulmonale Leistungsfaktoren maßgeblich. Alleine durch den Einsatz größerer Muskelgruppen, durch die jetzt aufgrund der elektrisch ausgelösten Muskelkontraktion wieder Blut fließen kann. Fast wie Doping. Ruderer, die nicht an diesem Gerät trainieren können, sind eindeutig im Nachteil. Ziel ist, die behinderten Ruderer an die physiologische Leistungsfähigkeit nicht behinderter Ruderer heranzuführen. In England gibt es FES-Wettkampfrudern innerhalb der Indoor-Meisterschaften.

Sascha Adrian mit seinem Festsitz-Einer bei der deutschen Ausscheidung für die Ruder-Weltmeisterschaft am 16. Juli 2006 in Berlin-Grünau

Der Blick zurück – Handicaprudern im DRV

Im DRV gibt es Gelder für den Hochleistungssport der gesunden Ruderer, wie in allen Sportverbänden auch. Allerdings ist auch der DRV zurzeit nicht auf Rosen gebettet. Im Weltcup in München präsentierten sich beide Achter in nagelneuen Booten. Die Handicapmannschaft des DRV hat noch nicht einmal ein eigenes Handicapboot. Schon mal darüber nachgedacht?

Der DBS und der DRV haben im Mai Ausbildungen zum Rudern mit behinderten Menschen angeboten. Beide Lehrgänge mussten mangels Teilnehmer abgesagt werden. Was haben die Veranstalter falsch gemacht? Was ist so schwer daran? Liegt es an der Sportart Rudern? Das kann es nicht wirklich sein, wie andere Länder uns beweisen. Ich vermute ja, es liegt an dem zweifellos zu befürchtenden Aufwand und an der typisch deutschen Mentalität: Lohnt sich das? Gegenfrage: Für wen?

Die Verantwortlichen für die WM-Boote suchen händeringend nach behinderten Ruderern. Dabei hat die Umfrage gezeigt, dass es bereits etliche Gruppen mit behinderten Ruderern gibt. Allerdings geben fast alle Vereine an, dies nur rein freizeitmäßig zu betreiben. Nach Schätzungen des DBS sind 150.000 behinderte Menschen in Deutschland bereit, auch Leistungssport zu treiben. Wollen die behinderten Ruderer nicht mehr, fürchten sie den Aufwand oder fürchten ihn die Vereine, trauen sie es sich nicht zu, oder sind wir es, die dies den Menschen mit Beeinträchtigungen nicht zutrauen? Es ist mit Sicherheit der falsche Ansatz, Werbung zu machen für das Rudern von behinderten Menschen im DRV und dann darauf zu warten, dass diese Menschen den Vereinen die Türen einrennen. Wir müssen auf sie zugehen.

Die paralympischen Winterspiele gesehen? Die Erfolge der deutschen Skifahrer zeugen von langjähriger, kontinuierlicher Arbeit. Der DRV hat eine noch sehr junge Geschichte im Wettkampfbereich des Handicapruderns. Aber wir als Rudernation mit unseren weltweiten Erfolgen können auch mit großem Beispiel und beherzt vorangehen. Es liegt ganz alleine bei uns, ob wir durchstarten können im Handicaprudern oder weiterhin nur vor uns hindümpeln. Dabei kann es nicht um den Wettkampfbereich alleine gehen. Denn zunächst muss die Basis aufgebaut werden!  Denn all der Einsatz ist letztendlich vergeblich, wenn es keine Ersatzleute für die Boote gibt, so wie jetzt geschehen. Sonst fragen sich irgendwann auch die Beteiligten, die Handicapler und ihre Betreuer: lohnt sich für uns der Aufwand?

Vermutlich werden auch wir dies nicht ohne eine finanzielle Förderung der Verantwortlichen, Trainer und Koordinatoren leisten können. In unserem Nachbarland Frankreich wird der Verantwortliche fürs Handicaprudern  z.B. vom Sportministerium mitfinanziert. Ich denke, wir sollten auch die politisch Verantwortlichen verstärkt um Aufbauhilfe angehen. Und der Verband und seine Athleten sollten selbstbewusster auch mit diesem Vorhaben werben. Aber am Geld alleine darf es letztendlich nicht scheitern. Rudern für alle, lautete mal die Devise. Gleichberechtigung und Gleichbehandlung darf nicht nur auf dem Papier stehen. Es muss in unsere Köpfe und Herzen. Dann erst werden wir nicht mehr fragen: Lohnt sich der Aufwand?

Über Vorschläge und Kommentare freut sich Sibylle Hornberger
Deutscher Ruderverband – Ressort Bildung und Wissenschaft
sibylle.hornberger(at)med.uni-tuebingen.de